Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten und Rechenprobleme gehören zu den häufigsten Lernproblemen im Kindesalter. Wenn ein Kind beim Lesen, Schreiben oder Rechnen deutlich größere Schwierigkeiten hat als Gleichaltrige, stellt sich für Eltern häufig die Frage: Handelt es sich noch um eine normale Entwicklungsphase oder könnte eine Lese-Rechtschreibstörung (LRS) beziehungsweise eine Dyskalkulie bzw. Rechenstörung dahinterstecken?
Eine einzelne Auffälligkeit reicht allerdings nicht für eine Diagnose. Die Symptome können sich je nach Alter, Entwicklungsstand und schulischen Anforderungen verändern. Eine fachgerechte Diagnostik ist deshalb entscheidend. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie weist ausdrücklich darauf hin, dass Eltern oder Lehrkräfte anhand einzelner Beobachtungen keine eindeutige Diagnose stellen können. (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
LRS und Dyskalkulie: Was ist der Unterschied?
Unter LRS wird im Alltag häufig eine Lese-Rechtschreibstörung verstanden. Dabei bestehen anhaltende und deutliche Schwierigkeiten beim Lesen und/oder Rechtschreiben, die nicht allein durch fehlende Übung erklärt werden können.
Dyskalkulie beziehungsweise Rechenstörung betrifft dagegen grundlegende mathematische Fähigkeiten. Betroffene Kinder können beispielsweise Schwierigkeiten haben, Mengen zu erfassen, Zahlen einzuordnen oder Rechenoperationen zu verstehen.
Beide Lernstörungen können auch gemeinsam auftreten. Der BVL nennt Dyskalkulie als mögliche Begleitproblematik einer Legasthenie. (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
LRS und Dyskalkulie Symptome Tabelle nach Alter
Die folgende Übersicht dient als Orientierung. Die Altersbereiche sind keine starren diagnostischen Grenzen.
| Alter | Mögliche LRS-Anzeichen | Mögliche Dyskalkulie-Anzeichen |
|---|---|---|
| 3–4 Jahre | Schwierigkeiten mit Reimen, Lauten oder dem Erkennen sprachlicher Strukturen | Schwierigkeiten beim Verständnis von „mehr“, „weniger“, „größer“, „kleiner“ |
| 4–5 Jahre | Probleme mit Reimen, Lautanalyse oder dem Merken von Buchstaben | Schwierigkeiten beim Vergleichen von Mengen und beim Abzählen |
| 5–6 Jahre | Buchstaben werden schwer gelernt, Laute können schlecht zugeordnet werden | Mengen und Zahlen werden unsicher zugeordnet |
| 1. Klasse | langsames Lesenlernen, Buchstaben-/Lautverwechslungen, viele Schreibfehler | Probleme beim Zahlenverständnis und bei ersten Rechenoperationen |
| 2. Klasse | stockendes Lesen, Auslassen oder Vertauschen von Buchstaben, anhaltende Rechtschreibprobleme | häufiges zählendes Rechnen, Schwierigkeiten mit Zahlzerlegungen |
| 3.–4. Klasse | langsames und fehlerhaftes Lesen, viele Rechtschreibfehler, Probleme beim Textverständnis | Schwierigkeiten mit Grundrechenarten, Stellenwerten und Textaufgaben |
| 5.–6. Klasse | weiterhin langsames Lesen und auffällige Rechtschreibung | Probleme mit Bruch-, Dezimal- und Größenverständnis |
| 7.–10. Klasse | große Schwierigkeiten bei längeren Texten und beim Schreiben | Schwierigkeiten bei komplexeren Rechenverfahren und mathematischen Textaufgaben |
| Oberstufe | hoher Zeitaufwand beim Lesen und Schreiben, anhaltende Rechtschreibprobleme | Schwierigkeiten mit mathematischen Grundlagen, wenn diese nicht automatisiert sind |
Wichtig: Nicht jedes Kind mit einem solchen Verhalten hat eine LRS oder Dyskalkulie. Entscheidend sind unter anderem Ausmaß, Dauer und Vergleich mit den alters- beziehungsweise klassenbezogenen Erwartungen.
LRS: Symptome im Vorschulalter
Eine Lese-Rechtschreibstörung kann nicht erst beim schlechten Lesen in der Grundschule auffallen. Bereits vor der Einschulung können bestimmte Vorläuferfähigkeiten beobachtet werden.
Mögliche Hinweise sind:
- Schwierigkeiten beim Reimen
- Probleme beim Erkennen von Anfangslauten
- Schwierigkeiten, Wörter in einzelne Laute zu zerlegen
- Probleme beim Erlernen von Buchstaben
- Schwierigkeiten, Buchstaben und Laute miteinander zu verbinden
- auffällig langsames Erlernen sprachlicher Muster
- Schwierigkeiten beim Merken neuer Wörter
Der BVL weist darauf hin, dass es bereits vor der Einschulung Anzeichen geben kann, die später auftretende Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben ankündigen können. Eine LRS-Diagnose erfolgt jedoch frühestens gegen Ende der ersten Klasse. (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
Dyskalkulie: Symptome im Vorschulalter
Auch bei einer späteren Rechenstörung können bereits im Kindergartenalter Auffälligkeiten auftreten.
Typische mögliche Hinweise sind:
- Mengen werden schlecht eingeschätzt.
- „Mehr“ und „weniger“ werden verwechselt.
- Das Abzählen von Gegenständen fällt schwer.
- Zahlen werden nicht sicher mit Mengen verbunden.
- Längen, Größen oder Zeitangaben sind schwer einzuordnen.
- Zahlenfolgen werden nur schwer gelernt.
Der BVL nennt unter anderem fehlendes grundlegendes Mengenverständnis sowie Probleme beim Zuordnen von Mengen und Zahlen als mögliche frühe Hinweise. (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
LRS-Symptome in der 1. und 2. Klasse
Mit dem Beginn der Schule verändern sich die Anforderungen deutlich. Jetzt müssen Kinder Buchstaben sicher erkennen, Laute zuordnen und zunehmend flüssig lesen.
Mögliche Auffälligkeiten sind:
- Buchstaben werden häufig verwechselt.
- Wörter werden sehr langsam gelesen.
- Buchstaben oder Silben werden ausgelassen.
- Wörter werden erraten, statt vollständig gelesen.
- Ähnliche Wörter werden verwechselt.
- Das Kind liest deutlich langsamer als Mitschüler.
- Beim Schreiben treten ungewöhnlich viele Fehler auf.
- Gelerntes bleibt trotz intensiver Übung unsicher.
Dabei sollte man einzelne Rechtschreibfehler nicht überbewerten. Gerade in den ersten Schuljahren ist das Erlernen der Schriftsprache ein Entwicklungsprozess.
Dyskalkulie-Symptome in der 1. und 2. Klasse
Beim Rechnen stehen zunächst Mengenverständnis und grundlegende Zahlvorstellungen im Mittelpunkt.
Mögliche Hinweise:
- Zahlen werden häufig verwechselt.
- Das Kind zählt fast jede Aufgabe einzeln ab.
- Mengen werden nicht sicher erkannt.
- Zahlzerlegungen bleiben unverstanden.
- Plus und Minus werden verwechselt.
- Rechenwege müssen immer wieder neu erarbeitet werden.
- Zahlen werden spiegelverkehrt oder falsch geschrieben.
- Größer/kleiner wird häufig verwechselt.
Besonders interessant ist das anhaltende Fingerzählen. Der BVL weist darauf hin, dass Fingerrechnen über das erste Schuljahr hinaus ein möglicher Hinweis auf eine Rechenstörung sein kann. Zum Ende der zweiten Klasse haben viele Kinder bereits andere Rechenstrategien entwickelt. (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
LRS-Symptome in der 3. und 4. Klasse
In der mittleren Grundschule wird häufig deutlicher, ob sich Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben verfestigen.
Mögliche Anzeichen:
- Lesen bleibt deutlich langsamer als bei Gleichaltrigen.
- Das Kind liest häufig stockend.
- Wörter werden ausgelassen oder verändert.
- Längere Texte bereiten große Schwierigkeiten.
- Das Textverständnis leidet durch die langsame Lesegeschwindigkeit.
- Rechtschreibfehler bleiben trotz Übung sehr häufig.
- Buchstabenfolgen oder Wortbestandteile werden vertauscht.
- Diktate fallen besonders schwer.
- Das Kind benötigt für schriftliche Aufgaben ungewöhnlich viel Zeit.
Die aktuelle AWMF-Information zur Lese- und/oder Rechtschreibstörung betont die Bedeutung einer objektiven und wissenschaftlich fundierten Diagnostik. Eine entsprechende Leitlinienüberarbeitung wurde 2025 veröffentlicht und befindet sich im weiteren Entwicklungsprozess. (AWMF)
Dyskalkulie-Symptome in der 3. und 4. Klasse
Mit steigenden mathematischen Anforderungen werden Rechenstörungen oft besonders deutlich.
Mögliche Symptome:
- Grundrechenarten werden weiterhin unsicher angewendet.
- Einmaleinsaufgaben werden nur sehr langsam abgerufen.
- Rechenwege werden auswendig gelernt, aber nicht verstanden.
- Zehner- und Hunderterübergänge bereiten große Probleme.
- Stellenwerte werden verwechselt.
- Zahlen werden falsch eingeordnet.
- Textaufgaben können nur schwer in Rechenoperationen übertragen werden.
- Uhrzeiten werden unsicher abgelesen.
- Geldbeträge können schwer eingeschätzt werden.
Der BVL nennt unter anderem Schwierigkeiten mit dem Dezimalsystem und Stellenwerten, das Verwechseln von Rechenarten sowie Probleme beim Übersetzen von Textaufgaben in mathematische Operationen als mögliche Anzeichen. (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
LRS und Dyskalkulie in der weiterführenden Schule
Ab Klasse 5 verändern sich die Anforderungen erneut. Texte werden länger und komplexer, während Mathematik zunehmend abstrakter wird.
Mögliche LRS-Anzeichen
- sehr langsames Lesen umfangreicher Texte
- hoher Zeitaufwand bei schriftlichen Aufgaben
- anhaltende Rechtschreibfehler
- Schwierigkeiten beim Erfassen langer Aufgabenstellungen
- Probleme beim schriftlichen Formulieren
- Vermeidung von Lese- und Schreibaufgaben
- deutlich höherer Lernaufwand als bei Mitschülern
Mögliche Dyskalkulie-Anzeichen
- Schwierigkeiten mit Brüchen
- Probleme mit Dezimalzahlen
- unsicherer Umgang mit Prozenten
- Schwierigkeiten bei Größen und Einheiten
- Probleme mit mathematischen Textaufgaben
- Schwierigkeiten beim Kopfrechnen
- Unsicherheit bei algebraischen Grundoperationen
- Probleme beim Übertragen bekannter Rechenwege auf neue Aufgaben
Dabei können sich die Symptome verändern: Ein Kind, das in der Grundschule noch hauptsächlich Probleme mit dem Zählen hatte, kann später beispielsweise vor allem bei Brüchen, Prozentrechnung oder mathematischen Textaufgaben auffallen.
LRS und Dyskalkulie gemeinsam: Gibt es Überschneidungen?
Ja. LRS und Dyskalkulie können gemeinsam auftreten. Außerdem können Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben auch mathematische Aufgaben beeinflussen.
Ein Beispiel:
Ein Kind beherrscht die mathematische Rechnung grundsätzlich, versteht aber eine komplex formulierte Textaufgabe nicht. Dann muss zunächst unterschieden werden, ob das Problem tatsächlich mathematisch oder eher sprachlich bedingt ist.
Auch bei Dyskalkulie können zusätzliche Schwierigkeiten auftreten. Der BVL nennt beispielsweise Matheangst, Vermeidungsverhalten, psychosomatische Beschwerden und psychische Belastungen als mögliche Folgeprobleme. (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
Tabelle: Typische Warnzeichen im Alltag
| Beobachtung | Kann bei LRS vorkommen | Kann bei Dyskalkulie vorkommen |
|---|---|---|
| Lesen wird vermieden | Ja | Indirekt |
| Schreiben wird vermieden | Ja | Indirekt |
| Zahlen werden vermieden | Indirekt | Ja |
| Buchstaben werden verwechselt | Ja | Nein |
| Zahlen werden verwechselt | Nein | Ja |
| Häufiges Fingerzählen | Nein | Ja |
| Probleme mit Reimen | Ja | Nein |
| Probleme mit Mengen | Nein | Ja |
| Schwierigkeiten mit Textaufgaben | Möglich | Ja |
| Sehr langsames Arbeitstempo | Häufig | Häufig |
| Frust bei Hausaufgaben | Möglich | Möglich |
| Prüfungsangst | Möglich | Möglich |
| Bauch- oder Kopfschmerzen unter Lernstress | Möglich | Möglich |
Diese Tabelle dient ausschließlich der Orientierung und ist kein Selbsttest.
Ab wann sollte man eine Diagnostik erwägen?
Eine professionelle Abklärung ist insbesondere sinnvoll, wenn Schwierigkeiten:
- über längere Zeit bestehen,
- trotz angemessener Förderung nicht verschwinden,
- deutlich stärker als bei Gleichaltrigen sind,
- das Kind erheblich belasten,
- zu Schulvermeidung oder Angst führen,
- sich auf mehrere Lebensbereiche auswirken.
Bei einer LRS wird unter anderem geprüft, ob die Lese- und/oder Rechtschreibleistung deutlich unter den Erwartungen für Alter und Klassenstufe liegt. Bei einer Rechenstörung wird entsprechend die mathematische Leistung untersucht. (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
Eine Diagnose sollte deshalb nicht allein anhand einer Symptomtabelle gestellt werden.
Wer diagnostiziert LRS oder Dyskalkulie?
Bei Kindern und Jugendlichen kommen je nach Situation verschiedene Fachstellen infrage. Der BVL nennt unter anderem:
- Kinder- und Jugendpsychiater
- Kinder- und Jugendpsychotherapeuten
- psychologische Psychotherapeuten
Bei einem Verdacht können Eltern außerdem zunächst das Gespräch mit der Lehrkraft und dem Kinderarzt suchen. Für eine fundierte Diagnose werden standardisierte beziehungsweise normierte Verfahren eingesetzt. (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
Was können Eltern 2026 tun?
Eltern sollten zunächst versuchen, die Schwierigkeiten möglichst konkret zu beobachten. Hilfreich kann beispielsweise ein kleines Lernprotokoll sein:
| Beobachtung | Beispiel |
|---|---|
| Aufgabe | Einmaleins |
| Schwierigkeit | Ergebnisse werden jedes Mal neu abgezählt |
| Häufigkeit | Fast täglich |
| Dauer | Seit mehreren Monaten |
| Reaktion des Kindes | Frust und Vermeidung |
| Bisherige Unterstützung | Üben mit Lernkarten |
Dadurch lässt sich bei einem Gespräch mit Lehrkräften oder Fachpersonen besser beschreiben, wann und unter welchen Bedingungen die Schwierigkeiten auftreten.
Wichtig ist außerdem, das Kind nicht mit zusätzlichem Druck zu belasten. Der BVL empfiehlt bei Dyskalkulie ausdrücklich Verständnis, Rückhalt und Unterstützung; Druck und Schuldgefühle können die Belastung und Matheangst verstärken. (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
Fazit: LRS und Dyskalkulie Symptome Tabelle 2026
LRS und Dyskalkulie können sich bereits vor der Einschulung durch bestimmte Auffälligkeiten ankündigen. Bei LRS stehen später vor allem Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben im Vordergrund. Bei Dyskalkulie betreffen die Probleme insbesondere Mengenverständnis, Zahlenvorstellungen und mathematische Grundfertigkeiten.
Die Symptome verändern sich mit dem Alter. Während ein Vorschulkind beispielsweise Schwierigkeiten beim Reimen oder beim Mengenvergleich zeigen kann, fallen bei einem älteren Schulkind eher anhaltende Probleme beim Lesen komplexer Texte, bei Rechtschreibung, beim Rechnen mit Brüchen oder bei mathematischen Textaufgaben auf.
Entscheidend ist jedoch: Eine einzelne Auffälligkeit bedeutet noch keine Lernstörung. Erst eine fachgerechte Diagnostik kann klären, ob tatsächlich eine Lese-Rechtschreibstörung oder Rechenstörung vorliegt. Bei einem anhaltenden Verdacht ist es daher sinnvoll, frühzeitig das Gespräch mit Schule, Kinderarzt und gegebenenfalls einer spezialisierten diagnostischen Fachstelle zu suchen.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie: Dyskalkulie – Symptomatik (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
- Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie: Dyskalkulie – Diagnostik (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
- Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie: Legasthenie – Diagnostik (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
- AWMF: Diagnostik und Behandlung bei der Lese- und/oder Rechtschreibstörung (AWMF)
- BVL: Früherkennung und Förderung bei Verdacht auf Legasthenie (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)
- BVL: Früherkennung und Förderung bei Verdacht auf Dyskalkulie (Legasthenie & Dyskalkulie e.V.)